Introduction

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Interreligiöser
Kalender

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Ein Kalender als Weg zum anderen

Ein Kalender ist immer irgendwie das Spiegelbild der Gesellschaft, die ihn produziert und gebraucht – auch und gerade wenn er sich bemüht, dem Gang der Sonne und/oder des Monds zu folgen. Das gilt für die Festsetzung des Jahres Eins (Erlöschen des Gautama Buddha, Geburt Jesu Christi oder Auswanderung des Propheten Mohammed) wie für die Festlegung des Jahreswechsels oder auch der zivilen und religiösen Hauptfeste, die den Rhythmus des Lebens in Familie und Gesellschaft prägen.

Die Idee eines interreligiösen Kalenders ist der Versuch, religiöse und kulturelle Vielfalt zu ermessen. In der westlichen Gesellschaft, die nicht länger in der Tradition eines grossmehrheitlich wenn nicht gar umfassend christlichen Europa steht, gewinnt dieser Versuch Jahr für Jahr an Bedeutung. Der Kalender lädt ein zu einer zweifachen Bewegung: Distanznahme gegenüber dem Westen, der dem ganzen Planeten seinen Rhythmus aufzwingen will auf Kosten von ebenso reichen wie ehrwürdigen Traditionen; Vertiefung der religiösen oder profanen Bedeutung der althergebrachten wie der neuen Feiertage.

Ein Kalender als Instrument der Sensibilisierung

Der bewusst nicht konfessionell gestaltete Kalender existiert – in französischer Version – seit 1996. Getragen ist er von einem zweifachen Bemühen: Respekt vor Traditionen und Überzeugungen der anderen und Verbreitung von Wissen über die kulturellen, religiösen und weltlichen Wurzeln der einen wie der anderen. Er ist als Instrument der Sensibilisierung und der Bildung für Jung und Alt in einer säkularen und pluralistischen Gesellschaft konzipiert.

Der Kalender deckt sechzehn Monate ab (von September bis Dezember des Folgejahrs) und wendet sich an Schülerinnen und Schüler wie an Mitglieder der verschiedenen Religionsgemeinschaften, vor allem aber an all jene, die sich für den Glauben ihrer Mitmenschen interessieren und denen die Religionsfreiheit ein Anliegen ist.

Seit dem Jahr 2000 existiert der Kalender auch auf Katalanisch und Kastilisch, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Associació UNESCO per al Diàleg Interreligiós. In den letzten Jahren wurde er, dank der Partnerschaft mit der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz Iras-Cotis auch ins Deutsche übersetzt.

Ein Kalender als Zugangspforte zu Festen und Feiern

Feste und Feiertage bieten einen guten Zugang zu einem vielfältigen kulturellen und spirituellen Erbe. In ihnen vermischen sich nämlich offizielle Lehrmeinungen und Volkstraditionen. Ob solche Feiern unter dem Zeichen der Einkehr, der überbordenden Freude oder der Trauer stehen – stets verbinden sie Spiritualität und Affektivität, Erinnerung und Einbildungskraft, Natürliches und Übernatürliches. Sie rufen uns in Erinnerung, dass Religion, Kultur und menschliche Werte nicht isolierte und abstrakte Systeme sind, sondern Wege, die es zu beschreiten gilt – Nachhall der menschlichen Suche nach Sinngebung. Sie sind aber auch ein idealer Vorwand, um mit unseren Nachbarn und mit uns unbekannten Nachbarn anderer Traditionen in Kontakt zu treten. In der Tat: nichts Natürlicheres und Spontaneres, als einander an Hochfesten ein schönes Fest zu wünschen – sei es zum jüdischen Jom Kippur, zum islamischen Opferfest, zum buddhistischen Vesak, zur christlichen Weihnacht oder auch zum Neujahrstag der einzelnen Traditionen.

Ein Kalender als roter Faden durch die Vielfalt der Religionen

In der Auswahl der berücksichtigten Traditionen wird ein gewisses, allerdings stets relatives Gleichgewicht angestrebt: die drei Hauptströmungen der christlichen Familie (katholisch, orthodox, protestantisch), die jahrtausendealten jüdischen, islamischen, hinduistischen und buddhistischen Traditionen, nicht zu vergessen die chinesische und japanische, die indische (Jaina und Sikh) und die iranische (Mazdäer/Zoroaster und Baha'i) Überlieferung. Jahr für Jahr einen festen Platz hat zudem eine ethnische Tradition: afrikanische Stammesreligion, australische Aborigines, süd- oder nordamerikanische Indianer … sowie eine Religion der Antike: griechisch, ägyptisch, mesopotamisch … Ihren Ort hat auch die laizistisch-humanistische Kultur des Westens, ist sie doch einer der Wege, welche Sinngebung als Fragestellung und Werthaltung hochhalten.

Ein Kalender als Instrument des gegenseitigen Respekts

Bislang wurden in der deutschen Version die folgenden Themen behandelt: Ökologie (2008/09), Suche nach dem Absoluten (Mönche und Nonnen, Asketen und Mystikerinnen) (2009/10), Innehalten und Feiern (2010/11), Feuer und Wasser (2011/12), Musik (2012/13), Sakrale Architektur (2013/14) und Pilgern (2014/15). Immer von neuem bemühen sich die Autorinnen und Autoren, die mehreren Traditionen gemeinsamen, aber auch die einer bestimmten Strömung eigenen Elemente herauszuarbeiten: Wegmarken und Vergleichspunkte, nicht aber ungebührliche Gleichmachung.

Im Bemühen, das Empfinden der verschiedenen Gemeinschaften zu respektieren, werden die Texte, wenn immer möglich, Verantwortlichen der betreffenden Tradition zur Relektüre, Verbesserung und Ergänzung vorgelegt.

Der Kalender versteht sich als Instrument der Verständigung zwischen Menschen und Kulturen. Er will echte Toleranz fördern, nicht durch Indifferenz – wie dies nur allzu oft der Fall ist –, sondern aus Achtung und Interesse für das Leben und die Werte derjenigen, die anders denken oder anders beten. In dieser Welt gibt es nur allzu viele religiös codierte Konfliktherde. Umso dringlicher ist es, eine Kultur des interreligiösen Friedens zu entwickeln und zu fördern.